Manchmal ist Aufhören am mutigsten – über das Rennen, das ich abgebrochen habe

Manchmal ist Aufhören am mutigsten – über das Rennen, das ich abgebrochen habe

Unsere Mitarbeiterin Polona hat im Juni beim Seven Serpents mitgemacht, einem Unsupportet Gravel Bikepacking Race durch Slowenien, Kroatien und Italien. Als eine von insgesamt sieben Solo-Frauen die teilgenommen haben erzählt sie von ihren Höhen und Tiefen der Strecke und warum ein Abbruch manchmal genauso wertvoll sein kann wie ein Finish. 

Ich bin eine Person, die ständig auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist. In Gedanken bin ich immer damit beschäftigt, Pläne zu schmieden. Egal, ob ich sie dann in die Tat umsetze oder nicht. Das bin ich. Willkommen in meiner Welt.

Ende November hat sich mein Leben aus persönlichen Gründen komplett verändert. Damit ist auch eine noch grössere Sehnsucht nach etwas Neuem entstanden: nach etwas, das mich wirklich mitreisst. Schon seit längerer Zeit fasziniert mich Bikepacking und ich hatte bereits einige Bikepacking-Abenteuer erlebt. Obwohl ich in erster Linie Trailrunnerin, Bergsteigerin und aktuell leider nur selten Kletterin bin, fahre ich auch ab und zu Velo. Mein erstes Velo habe ich mir aus demselben Grund gekauft wie viele Läufer:innen: Ich war verletzt. Seither durchlaufe ich Phasen, in denen ich sehr viel Velo fahre und Phasen, in denen ich kaum auf dem Velo sitze. Die Monate vor dem Rennen sind eine Phase gewesen, in der ich kaum gefahren bin.

Unsupported Gravel Bikepacking Races habe ich schon länger verfolgt, vor allem bekanntere wie das Silk Road Mountain Race. Doch dann bin ich auf das verlockend-verrückte Seven Serpents gestossen. Besonders angesprochen hat mich der Start in Ljubljana, der Hauptstadt Sloweniens. Als Slowenin fand ich den Gedanken unglaublich reizvoll, von dort aus loszufahren und mit dem Velo Teile Sloweniens zu entdecken, in denen ich noch nie gewesen bin. Die Route führt anschliessend durch das Velebit-Gebirge in Kroatien und über vier Inseln: Pag, Rab, Krk und Cres. Danach geht es über Istrien zurück aufs Festland, bevor das Rennen schliesslich in Triest, Italien, endet. 1.012 km und 18.000 Höhenmeter auf schönem, aber deutlich öfter weniger schönen Schotterwegen. Von insgesamt 155 Fahrer:innen haben, mich eingerechnet, nur sieben Solo-Frauen am Rennen teilgenommen.

Es hätte auch eine kürzere Runde von 512 km gegeben, die für ein erstes Unsupported Gravel Race vermutlich die vernünftigere Wahl gewesen wäre. Aber so, wie ich nun mal bin, hat sie sich einfach nicht lang genug angefühlt. Wollte ich wirklich den ganzen Weg von der Schweiz nach Slowenien reisen, die gesamte Logistik organisieren und dann »nur« 500 Kilometer fahren? Natürlich nicht. Also habe ich mich für die grosse Runde angemeldet. Von November bis Mai bin ich laut Strava insgesamt ungefähr 500 Kilometer gefahren, grösstenteils auf der Strasse.

Fünf.
Hundert.
Kilometer.

Das ist gerade einmal die Hälfte der Renndistanz!

Vor dem Start sind bei mir deshalb viele Zweifel aufgekommen. Weniger wegen möglicher Verletzungen, die am Ende tatsächlich der Grund für mein DNF (»Did Not Finish«) gewesen sind, sondern vielmehr, ob ich so viele Kilometer und so viele Höhenmeter auf einem so anspruchsvollen Terrain überhaupt schaffen kann. Ich bin kurz davor gewesen, das Zugticket nach Slowenien gar nicht erst zu kaufen, weil mein Kopf mir immer wieder hat einreden wollen, dass ich noch nicht bereit bin. Am Ende habe ich mich trotzdem entschieden, es zu versuchen. Im vollen Bewusstsein, dass ich das Rennen möglicherweise nicht beenden würde. Das hat auch bedeutet, dass meine Familie, die in Slowenien lebt, mich vielleicht irgendwo weit weg von zu Hause einsammeln müsste. Für sie ist das kein Problem gewesen und damit hat es dann keine Ausreden mehr gegeben.

Ich habe sieben Hauptsorgen gehabt: die Distanz, die Höhenmeter, das Gelände, Schlafplätze, mechanische Probleme am Velo, Bären und Schlangen. Vor allem die letzten beiden.

MEIN SETUP

Da ich mich selbst nicht wirklich als Velofahrerin bezeichne, würde ich auch nicht behaupten, besonders viel über Velos zu wissen. Ich kenne die Grundlagen, wenn es um Reparaturen geht, deshalb ist mein Reparaturset recht schlicht ausgefallen. Es hat aus zwei Ersatzschläuchen, Flickzeug, einem Ersatz-Schaltauge, einem Kettenschloss, einem Multitool, etwas Duck Tape und einer kleinen Pumpe bestanden.

Mein Velo ist ein Canyon Grizl CF SL 8 Trail mit 30 mm Federweg an der Front. Die originale Übersetzung habe ich gegen eine besser für die Anforderungen der Strecke geeignete Kombination ausgetauscht: ein 40T-Kettenblatt und eine 10–52T-Kassette. Das daraus resultierende Übersetzungsverhältnis von deutlich unter 1:1 hat steile und grobe Anstiege wesentlich leichter fahrbar gemacht als mit der Originalausstattung. Ausserdem habe ich die serienmässigen Allround-Reifen durch Schwalbe-Ultrabite-Reifen ersetzt, die deutlich besser zum Gelände gepasst haben.

Folgende Taschen habe ich verwendet:

- Ortlieb Frame-Pack 6 L
- Ortlieb Seat-Pack 16 L
- Rockrider Handlebar Food Pouch & Bottle Holder
- Salomon Trailrunning-Rucksack 5 L
- 3 Trinkflaschen mit insgesamt 2,3 L Volumen



Auf mehrtägigen Touren zeigt sich sehr schnell, wie wichtig gute und leichte Ausrüstung wirklich ist. Bequeme, schnell trocknende Radbekleidung kann den Unterschied zwischen einem schönen und einem schlechten Tag ausmachen – vor allem, wenn man nur mit einer Garnitur Kleidung unterwegs ist, die man jeden Abend wäscht. Mein Gepäck habe ich deshalb bewusst minimalistisch gehalten: ein Radtrikot, ein Merino-T-Shirt, eine Unterhose, zwei Paar Socken, eine gepolsterte Radhose, ein Langarmshirt, eine leichte Daunenjacke, Beinlinge, Armlinge, eine Windweste, Regenhose und eine leichte Regenjacke. Die Idee war nicht, verschiedene Optionen dabeizuhaben, sondern Kleidungsstücke auszuwählen, die schnell trocknen, atmungsaktiv sind und problemlos mehrere Tage hintereinander getragen werden können. Auf langen Touren ist Zuverlässigkeit wichtiger als eine grosse Auswahl. Der Grossteil der Sachen stammt von 2nd Peak.

Wenn du selbst eine mehrtägige Tour planst: Investiere in Ausrüstung, der du Tag für Tag vertrauen kannst, und packe nicht zu viele »für alle Fälle«-Dinge ein, die du am Ende ohnehin nicht benutzt. Secondhand-Ausrüstung ist oft der beste Weg, sich ein solches Setup aufzubauen, ohne über-zu-konsumieren. Wenn du einfacher und nachhaltiger unterwegs sein möchtest, schau dir an, was es aktuell bei 2nd Peak gibt!

KEINE BÄREN, KEINE SCHLANGEN, ABER EIN PROBLEM MIT DER ACHILLESSEHNE

Nachdem ich am Samstag während der Akkreditierung ziemlich nervös gewesen bin, sind wir am Sonntag, den 7. Juni, um 7 Uhr morgens in Ljubljana gestartet. Der Morgen war neblig und ich hatte das Gefühl, dass ich die Einzige bin, die wusste, dass Nebel in Ljubljana völlig normal ist. Ich habe überhaupt keinen Plan gehabt, wo ich schlafen oder wie viele Kilometer ich jeden Tag fahren würde. Ich wollte, dass sich die Reise ganz spontan entwickelt. Es hat sich so angefühlt, als hätten alle anderen die Strecke schon lange im Voraus bis ins kleinste Detail studiert. Mein Motto dagegen war eher »trust the process and let it be«.

Das Rennen war unsupported. Das bedeutet, dass wir lediglich den vorgegebenen GPX-Tracks folgen mussten, einen vom Veranstalter bereitgestellten Tracker dabeihaben mussten und keinerlei Hilfe von Freunden oder Familie annehmen durften. Abkürzungen waren verboten und hätten zu Zeitstrafen geführt. Schlafen durften wir quasi überall, unter freiem Himmel genauso wie im Fünf-Sterne-Hotel.



Am ersten Tag
habe ich direkt meinen persönlichen Rekord gebrochen. Sowohl hinsichtlich der Distanz als auch der Höhenmeter auf dem Velo. Meine Muskeln haben sich trotz der vielen Anstiege erstaunlich gut angefühlt, aber mein Körper ist nach einem ganzen Tag im Sattel insgesamt ziemlich erschöpft gewesen. Die Strecke hat über Nebenstrassen und wunderschöne Schotterwege geführt, unterbrochen von einigen weniger schönen Hike-a-Bike-Passagen. Ich habe weder die Burg Predjama noch das Schloss Snežnik, zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten in diesem Teil Sloweniens, bisher gesehen. An diesem Tag habe ich beide gesehen. Als die Nacht näher gerückt ist, habe ich einen wunderschönen überdachten Platz im Freien direkt am Cerknica-See gefunden. Fast schon Glamping. Eine andere Fahrerin hat sich zu mir gesellt und wir sind sogar kurz im See baden gegangen, um uns ein bisschen zu waschen. Später haben sich noch drei weitere Fahrer unter den hölzernen Unterstand gequetscht. Am ersten Tag habe ich 178 km und 3.900 Höhenmeter zurückgelegt. Schlafen konnte ich trotzdem nicht.



Der zweite Morgen
hat später begonnen, als ich es mir gewünscht hätte. Ich habe ja eh nicht schlafen können, also wäre es eigentlich die perfekte Gelegenheit gewesen, schon um 5 Uhr loszufahren. Habe ich aber nicht gemacht. Ich habe ausserdem fast keine Lebensmittel mehr dabeigehabt, ein Fehler vom Vortag. Vor mir lagen mehr als 100 Kilometer abgelegene Schotterstrassen ohne einen einzigen Laden oder irgendeine Versorgungsmöglichkeit. Ich hatte deshalb keine andere Wahl, als bis 7 Uhr zu warten, bis der kleine Dorfladen in der Nähe geöffnet hat. Dafür habe ich sogar einen kleinen Umweg in Kauf nehmen müssen. Wenigstens habe ich dort auch einen Kaffee bekommen und das hat richtig gut getan.

Mein zweites Problem ist gewesen, dass die Tagesetappe direkt durch Bärengebiet geführt hat. Bären leben in Slowenien hauptsächlich genau in diesem Teil des Landes, besonders dort, wo wir an diesem Tag unterwegs gewesen sind. Ich habe eine Bärenglocke dabeigehabt und zusätzlich einen kleinen Lautsprecher für den Fall, wenn ich wirklich Angst bekomme. Zum Glück bin ich kurz vor dem abgelegenen Abschnitt auf drei Fahrer aus England getroffen. Ich konnte das gesamte einsame Waldstück mit ihnen gemeinsam fahren und bin extrem froh darüber gewesen. Der Wald war endlos und wunderschön, aber allein hätte ich dort wirklich Angst gehabt. Einige Fahrer:innen haben tatsächlich auch Bären gesehen! Im Laufe des Tages habe ich die Grenze nach Kroatien überquert und nach 168 km und 2.858 Höhenmetern das Meer in Senj gesehen!


Ich habe mir ein Apartment gesucht, doch nachdem ich angekommen bin, habe ich mich einfach schrecklich gefühlt. Es ist mir schwergefallen zu duschen, zu kochen, meine Kleidung zu waschen oder überhaupt noch richtig zu funktionieren. Ich habe mich krank und ganz komisch gefühlt, wahrscheinlich wegen der fast schlaflosen ersten Nacht. Besorgt bin ich dann eingeschlafen und habe meinen Wecker auf nur fünf Stunden später gestellt.

Am dritten Tag habe ich mich nach dem Aufwachen halb tot gefühlt. Im Laufe des Morgens ging es mir aber immer besser und besser, ich war so erleichtert! Nach Frühstück Nummer eins und Frühstück Nummer zwei hat direkt ein großer Anstieg von 1.500 Höhenmetern auf mich gewartet. Teils auf Asphalt und teils auf extrem grobem Schotter, aber ich habe mich gut gefühlt. Der lange Anstieg ist überraschend schnell vergangen, und schon bald habe ich mit einer Cola an der Berghütte Zavižan gesessen.


Da ich wusste, dass noch sehr viel vor mir liegt, bin ich nicht lange geblieben. Ab dann hat die Strecke aus nichts anderem als brutalem, grobem Schotter bestanden und meine Hände sind durch die ständigen Vibrationen immer tauber und schmerzender geworden. Zusammen mit der wunden Haut am Hintern sind das meine beiden grössten Probleme gewesen. Selbst Anti-Friction-Creme hat nicht geholfen und zeitweise bin ich den Tränen nahe gewesen: vor Schmerzen in den Händen und an der Haut. Aber ich bin stur und das hätte mich niemals zum Aufgeben gebracht.

Nach einer unglaublich langen, überwiegend bergab führenden Passage habe ich endlich den ersten Ort nach dem Velebit-Gebirge erreicht, um meine Vorräte aufzufüllen. Vor mir hat ein langer, relativ flacher Abschnitt gelegen, gefolgt von einem weiteren grossen Anstieg. Meine einzige Motivation an diesem Nachmittag war, das Meer wiederzusehen. Ich habe davon geträumt, früh genug anzukommen, um noch hineinspringen zu können (dazu ist es nicht gekommen). Ausserdem ist ein langer Regenschauer aufgezogen und in dem Moment habe ich alles gehasst. Im Nachhinein ist mir aber klar geworden, dass der Regen eigentlich ein Segen gewesen ist, weil er mich abgekühlt hat.

Nach 13 Stunden und 35 Minuten im Sattel habe ich am dritten Tag Maslenica am Meer erreicht, wo ich erneut ein Apartment gebucht habe. Ich habe noch schnell in einem Supermarkt eingekauft, der bis 22 Uhr geöffnet hatte (5 von 5 Punkte für kroatische Öffnungszeiten), nur um festzustellen, dass ich ein Apartment ohne Küche gebucht hatte. Im Grunde war es einfach nur ein Zimmer. Das Abendessen hat deshalb aus Süssigkeiten bestanden, während die Tortellini und die Pastasosse, die ich gekauft hatte, ungekocht geblieben sind. Was für ein Tag. Was für eine Strecke! 195 km und 3132 Höhenmeter. Die Haut an meinem Hintern war in einem miserablen Zustand, meine Hände haben unglaublich wehgetan, aber meine Motivation war grösser denn je.

Viele Menschen hätten an diesem Punkt vermutlich mental angefangen zu struggeln. Ich habe das Leiden angenommen und den Prozess einfach genossen. Etwa zu dieser Zeit habe ich ausserdem begonnen, mit Fahrer:innen in Kontakt zu kommen, die ein ähnliches Tempo wie ich gehabt haben. Oft sind wir gemeinsam gefahren oder haben uns im Laufe des Tages immer wieder getroffen. Das hat sich richtig gut angefühlt und mich zusätzlich motiviert.


Der Beginn des vierten Tages
war der Moment, auf den ich mich am meisten gefreut habe. Nach etwa fünf Stunden Schlaf habe ich mich früh auf den Weg gemacht und bin fast sofort über die Maslenica-Brücke gefahren. Damit habe ich das Festland hinter mir gelassen und bin auf meine erste Insel gefahren: Pag.

Schon im Moment, als ich am Morgen losgefahren bin, habe ich einen seltsamen Schmerz in meiner Achillessehne bemerkt. Zunächst habe ich mir keine allzu grossen Sorgen gemacht, denn der Schmerz ist völlig aus dem Nichts aufgetaucht. Soweit ich mich erinnern konnte, habe ich am Vortag überhaupt nichts gespürt. Anfangs hat mich der Schmerz nicht besonders gestört und ich habe gelächelt, während ich der Insel entgegengefahren bin. Die Schmerzen sind immer stärker geworden und haben sich bald einfach nicht mehr normal angefühlt. Oder besser gesagt: Es hat sich nicht nach etwas angefühlt, das von selbst wieder verschwinden würde. Ich bin in meinem Leben schon oft verletzt gewesen, grösstenteils durchs Laufen, und ich kenne den Unterschied zwischen Unbehagen und echtem Schmerz. Ausserdem habe ich eine ziemlich hohe Schmerztoleranz. Als es wirklich angefangen hat weh zu tun, habe ich sofort gewusst, dass etwas nicht stimmt. Ich habe meinen Sattel tiefer gestellt, um die Stellung meines Fusses zu verändern. Das hat ungefähr eine halbe Stunde geholfen. Danach ist alles nur noch schlimmer geworden. Ich musste immer noch die gesamte Insel Pag mit diesem Fuss überqueren. Und glaubt mir: Pag ist eine unglaubliche Schotterfahrt gewesen. Oder besser gesagt – eine verrückte Fahrt über lose Felsen durch eine Landschaft, die aussah wie auf dem Mars. Das alles auf 45-mm-Gravelreifen. Sehr viel Schieben. Wirklich sehr viel. In diesem Moment bin ich meiner kleinen Federgabel mehr als dankbar gewesen. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, wie die Leute ohne Federung das geschafft haben. Ich bin unglaublich neidisch auf alle gewesen, die mit einem Hardtail unterwegs waren. Ich habe es über die Insel Pag geschafft und schliesslich die erste Fähre erreicht. Ein weiterer Meilenstein, auf den ich mich schon lange gefreut habe. Die Fährüberfahrten gehören zu den Dingen, die dieses Rennen so besonders machen. Das richtige Timing ist entscheidend: Verpasst man eine Fähre auch nur um wenige Minuten, muss man auf die nächste warten und verliert möglicherweise wertvolle Zeit und gerät aus dem Rhythmus.

Leider habe ich die Überfahrt überhaupt nicht geniessen können. Ich habe mir viel zu grosse Sorgen um meinen Fuss gemacht. Nach der Fähre mussten wir noch etwa 20 Kilometer über das Festland fahren, bevor die nächste Fähre zur Insel Rab gewartet hat. Diese 20 Kilometer bin ich im Schneckentempo gefahren. Die meiste Zeit habe ich geweint und mich ununterbrochen gefragt, was ich tun soll. Trotz allem habe ich mich entschieden, auch die zweite Fähre nach Rab zu nehmen. Kurz nach meiner Ankunft auf der Insel habe ich eine Unterkunft gebucht. Gegen 16:50 Uhr, während die anderen Fahrer weiter über die Insel gefahren sind, habe ich meinen Tag nach 130 km und 2.017 Höhenmetern beendet.

DNF - Did Not Finish

Es ist unglaublich schwer gewesen, diese Entscheidung zu treffen. Ich werde die Traurigkeit nie vergessen, die ich empfunden habe, als ich zu meinem Apartment gefahren bin. Ich bin voller Motivation gewesen und musste gleichzeitig die Gruppe von Fahrern zurücklassen. Ich habe mich für sie gefreut. Aber ich bin auch neidisch gewesen. Und traurig. Traurig darüber, dass ich mich jetzt mit diesen Schmerzen auseinandersetzen musste, während die anderen einfach weiterfahren konnten.

Der Plan ist eigentlich nur gewesen, an diesem Tag früher Schluss zu machen und meinem Körper etwas Zeit zur Erholung zu geben. Doch kurz nach meiner Ankunft ist mein Fuss immer schlimmer geworden. Ich habe kaum noch gehen können, ohne zu hinken. Zum ersten Mal habe ich meinen Vater angerufen und ihm gesagt, dass er mich vielleicht abholen müsse.

Ich habe einen einzigen, aber entscheidenden Grund gehabt aufzuhören. Natürlich ist eine Verletzung nie leicht. Vor allem, weil ich ausserhalb des Sports kaum Hobbys habe. Wenn ich mich nicht bewegen, trainieren oder draussen aktiv sein kann, fällt mir das unglaublich schwer. Doch etwas anderes hat noch viel schwerer gewogen. Der ganze Sommer hat noch vor mir gelegen. Es gibt nichts, was ich mehr liebe, als ihn in den Bergen zu verbringen: beim Laufen und Bergsteigen. Der Gedanke, den gesamten Sommer verletzt zu sein, hat mir mega Angst gemacht. Genau das hat mich schliesslich zu der Entscheidung gebracht, das Rennen nicht zu beenden. Vielleicht hätte ich weitermachen können. Vielleicht hätte ich Schmerzmittel genommen und mich einfach durchgebissen. Ich weiss sehr gut, wie man sich durch Schmerzen kämpft. Aber diesmal hat die Vernunft gewonnen. Mit dem gesamten Sommer vor Augen habe ich dem Organisator eine Nachricht geschrieben und ihm mitgeteilt, dass ich aussteigen werde. Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen meines Lebens gewesen. Abgesehen davon, in den Bergen wegen schlechten Wetters oder gefährlicher Bedingungen umzukehren, habe ich noch nie etwas nicht beendet. Ich habe noch nie wegen meines Körpers aufgeben müssen. Ich habe noch nie aufgehört, weil ich einfach nicht mehr konnte. Ich habe mich wie eine Versagerin gefühlt. Als hätte ich aufgegeben. Doch ein paar Tage später, als ich alles etwas sacken lassen konnte, habe ich verstanden: Es war mutig von mir, die Entscheidung zu treffen, das Rennen abzubrechen.

Heute, während ich diese Zeilen schreibe, einen Monat nach dem Rennen, bin ich bereits zu 99 % wieder gesund und laufe wieder in den Bergen. Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass das nicht der Fall wäre, wenn ich weitergefahren wäre. Nun ja ... wer weiss. Vielleicht hätte meine Sehne doch durchgehalten. Aber ich glaube nicht. Nachdem mein Vater mich abgeholt hatte, habe ich drei Tage lang kaum richtig gehen können. Die Entzündung ist ziemlich stark gewesen, und ich bin unglaublich dankbar, dass ich keinen noch grösseren Schaden angerichtet habe.

Ich bin heute nicht nur stolz auf meine Entscheidung, sondern auch darauf, wie weit ich gekommen bin. Darauf, was ich sowohl körperlich als auch mental erreicht habe. Als ich ausgestiegen bin, habe ich bei den Frauen auf dem vierten Platz gelegen und bereits mehr als die Hälfte der Strecke hinter mich gebracht. Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so viel Velo gefahren. Schon gar nicht auf einem derart anspruchsvollen Untergrund und über so viele Tage hinweg. Und auf den Inseln ist das Gelände sogar noch rauer geworden.

Immer wieder haben die Leute zu mir gesagt, ich sei eine richtig gute Velofahrerin. Und ich habe jedes Mal geantwortet, dass ich eigentlich überhaupt keine Velofahrerin bin.

Aber ...

Vielleicht bin ich es ja doch?

Letztendlich spielt das gar keine Rolle. Auch ohne das Ziel erreicht zu haben, ist es ein unglaubliches Erlebnis gewesen. Ich habe grossartige Menschen kennengelernt, meine Grenzen ausgelotet und mich wie eine absolute Badass gefühlt, als ich durch dieses Gelände gefahren bin. Und ganz ehrlich ... Ich habe eine unglaublich grosse Lust, nächstes Jahr zurückzukommen und dieses Biest zu bezwingen!

In dreieinhalb Tagen habe ich 674 km und 12.000 Höhenmeter zurückgelegt.

WAS ICH GELERNT HABE

Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich aus dieser Erfahrung mitgenommen habe, ist, dass Erfolg nicht immer bedeutet, eine Ziellinie zu überqueren. Manchmal bedeutet Erfolg auch, zu wissen, wann es Zeit ist aufzuhören. Lange Zeit habe ich gedacht, stark zu sein bedeutet, unter allen Umständen weiterzumachen. Dieses Rennen hat mir gezeigt, dass wahre Stärke auch heisst, auf den eigenen Körper zu hören, schwierige Entscheidungen zu treffen und über den Moment hinauszudenken. Etwas aufzugeben, das man sich so sehr gewünscht hat, kann sich wie ein Scheitern anfühlen. Doch die Abenteuer zu schützen, die noch vor einem liegen, ist manchmal die mutigere Entscheidung.

Ich habe Seven Serpents nicht als Finisherin verlassen, aber ich habe etwas viel wertvolleres mitgenommen: das Vertrauen, dass ich Herausforderungen meistern kann, die grösser sind, als ich vielleicht selbst geglaubt habe und die Erkenntnis, dass irgendwo immer eine neue Startlinie auf mich wartet.



Nicht nur Körper und Geist wurden auf die Probe gestellt – auch die Velos.




Written by: Polona Kotnik

Übersetzt von: Lara Moch
Fotos: @peruzzoandrea_, @doma.grunt, @bruno.gpx